Artikel über unsere Initiative in „Mein Job“ – 
Magazin für Beruf und Karriere, Ausgabe Nr. 18 vom 30.Juli 2004,
von Redakteur Klaus Kienesberger


„Wer bleibt in Zukunft noch am Arbeitsmarkt?“

Hand aufs Herz: Wie stellen Sie sich einen Langzeitarbeitslosen vor? Verzweifelt? Perspektivenlos? Antriebslos? Verwahrlost? Dann revidieren Sie Ihr Bild, Langzeitarbeitslosigkeit trifft auch Menschen, von denen Sie es nicht erwarten würden . . .

Wien, 20. Bezirk. In einem etwas heruntergekommenen Gastgarten soll ich Roman Valent treffen. Er ist Gründer der „Initiative Fundament Generation 45plus“, einer Selbsthilfegruppe für ältere Langzeitarbeitslose. Es winkt mir ein Mittfünfziger, dem man seine berufliche Vergangenheit nicht absprechen kann. Er war lange Jahre erfolgreich im mittleren Management einer großen österreichischen Medien gruppe tätig. Dementsprechend pflichtbewusst und seriös tritt Valent auf. Im ersten Moment zweifle ich: Dieser eloquente und höfliche Herr soll seit Jahren vergeblich auf Arbeitssuche sein?

Über tausend Bewerbungen habe er in den vergangenen Jahren geschrieben – vergeblich. „Das wäre halb so schlimm, wäre ich ein Einzelfall. Aber leider spreche ich für viele.“ Immer wieder sei er knapp gescheitert, in zahlreichen Bewerbungsverfahren habe er glänzend abgeschnitten. „Aber dann geht es im Endeffekt doch um die Frage des Alters. Und einen 54-Jährigen stellt niemand mehr ein.“ Wegen eines Jobs wäre er sogar samt Familie nach Kärnten übersiedelt. Von mangelnder Flexibilität also keine Rede

„Man muss seine 
Ansprüche reduzieren“

Sein eigenes Schicksal hat ihn zum Engagement getrieben. „Ich war im ersten Moment nach der beruflichen Trennung regelrecht erleichtert“, erzählt Valent. In den letzten Monaten seiner Laufbahn habe es Mobbingattacken gegeben, außerdem sei er auch gesundheitlich nicht mehr auf der Höhe gewesen – ein Resultat der ständigen Unsicherheit.

Bald lernt er die Bitternis der Arbeitslosigkeit kennen. „Ich habe früher gut verdient, auch etwas beiseite gelegt. Trotzdem: Man muss seine Ansprüche gewaltig reduzieren.“

Als auch ein Freund kurze Zeit später arbeitslos wird und Roman Valent auf einen Artikel stößt, in dem vom „alten Eisen“ die Rede ist, gibt das die Initialzündung dafür, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. „Altes Eisen mit 45? Das kann es ja wohl nicht sein“, denkt sich Valent und beginnt, dem Klischeebild etwas entgegenzusetzen.

Die Initiative 
„Fundament Generation 45plus“

Gesagt, getan. Er gründet die „Initiative Fundament Generation 45plus“ und beginnt, unermüdlich Werbung für Ältere und deren Potenzial zu machen. „Ich setze mich für einen vernünftigen Mix zwischen Alt und Jung ein, es ist ja nicht nur die Gruppe der Älteren, die Probleme haben, schauen wir uns nur die Situation bei den Lehrlingen an. Aber ich will verdeutlichen: Auch Ältere haben Qualitäten. Erfahrungswissen, Lösungskompetenz. Vieles davon können Jüngere einfach nicht mitbringen.“

Ein Kontaktnetz entsteht. UnternehmensberaterInnen, Firmen, PolitikerInnen – bei den Begegnungen und zahlreichen Gesprächen zeigen sich alle begeistert über die Idee Valents, selbst zur Tat zu schreiten. Doch das Interesse ist selten mehr als Fassade. „Wenn es dann konkret um Jobs geht, schaut es anders aus.“

Nichtsdestotrotz: Das Motto lautet Hartnäckigkeit und Optimismus. „Es ist ja für die Politik angenehmer, wenn sich Arbeitslose nicht zu Wort melden. Wir stoßen auch oft auf taube Ohren. Doch man darf auf keinen Fall den Fehler machen, sich zurückzuziehen.“ Selbstpräsentation ist gefragt, die Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, die Generation positiv zu präsentieren. „Wir haben in unserer Gruppe keine übermäßig Frustrierten, sondern viele gute und interessante Leute. Vom Handwerker bis hin zum IT-Manager.“ 

Die Selbsthilfegruppe 
als Dauer-Jobcoaching

Es ist nicht immer leicht, sich ständig mit Arbeitslosigkeit auseinandersetzen zu müssen. Leicht wehmütig wird Roman Valents Gesichtsausdruck, wenn er über die Zeit der geregelten Arbeit plaudert. „Natürlich laufen viele Gefahr, in Depressionen zu verfallen, sich nicht mehr vorzuwagen. Es ist eine psychologische Herausforderung, plötzlich Notstandshilfe zu beziehen. Und eine noch größere, wenn das zehn Jahre dauert.“

Die Hoffnung aufzugeben wäre trotzdem der falsche Weg. „Eigentlich können sich ja Politik und Wirtschaft glücklich schätzen. Was wir in unserer Initiative bewerkstelligen, ist dauerhaftes Jobcoaching. Und das auf freiwilliger Basis. Wir reden über Probleme, wir organisieren Vorträge, Bewerbungstrainings – das ist doch etwas.“

Immer wieder kommt Valent der Gedanke, seine aktuelle Tätigkeit zum Beruf zu machen. Doch ein großer Hinderungsgrund lässt das nicht zu: das liebe Geld. 

Dass selbst diese Engagement nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein sein kann, ist Roman Valent bewusst. „Langfristig wird kein Weg an einem fundamentalen Umdenken vorbeiführen. Die Älteren müssen wieder einen Stellenwert bekommen – und diesen auch repräsentieren.“ Auf alle gemeinsam komme es an, den verfahrenen Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen.

Zeit? Die hat man 
auch als Arbeitslose/r nicht!

Die Zeit heilt alle Wunden – heißt es zumindest. Von Zeit kann Roman Valent ein Lied singen. Von Zeit, in der er gerne gearbeitet hätte. Von Zeit, die er in hunderte Bewerbungsschreiben investiert hat. „Die demographische Entwicklung wird das Problem lösen – heißt es immer“, so Valent skeptisch, „aber wir haben keine zehn Jahre mehr Zeit. Dann sind wir in Pension...“

Und irgendwie passt die friedliche Stimmung im Gastgarten so ganz und gar nicht, als Roman Valent über die Zukunft sinniert: „Die Gesellschaft hat schon so viele vom Arbeitsmarkt verdrängt. Die Frage ist nur: Wer bleibt noch, wer macht die Arbeit?“ 
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